Essstörungen werden in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer überwiegend mit Mädchen und Frauen in Verbindung gebracht. Diese Perspektive greift jedoch zu kurz. Auch Jungen und Männer sind betroffen – häufig später erkannt, oft mit anderen Krankheitsverläufen und nicht selten mit spezifischen Hürden beim Zugang zur Behandlung. Genau hier sehen wir im Therapie-Centrum für Essstörungen seit Jahren einen wichtigen Handlungsbedarf.
In unserer täglichen Arbeit begegnen uns immer wieder männliche Patienten, deren Erfahrungen und Bedürfnisse sich nicht vollständig in bestehenden Therapieansätzen wiederfinden. Viele Behandlungsangebote sind historisch gewachsen und orientieren sich primär an weiblichen Krankheitsbildern. Umso wichtiger ist es aus unserer Sicht, die Versorgung weiterzuentwickeln – differenzierter, sensibler und näher an den Lebensrealitäten der Betroffenen.
Vor diesem Hintergrund unterstützen wir ein aktuelles Lehr- und Forschungsprojekt der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, das sich genau dieser Fragestellung widmet. Ziel ist es, die psychotherapeutische Behandlung von Männern mit Essstörungen gezielt weiterzudenken und neue Ansätze zu entwickeln, die deren spezifische Bedürfnisse stärker berücksichtigen.
Im Mittelpunkt steht dabei ein trialogisches Format: In einer moderierten Fokusgruppe kommen Betroffene, Therapeut:innen und Psychotherapie-Studierende miteinander ins Gespräch. Es geht darum, Erfahrungen sichtbar zu machen, Behandlungsbedarfe besser zu verstehen und daraus konkrete Ideen für zukünftige Therapieansätze abzuleiten. Die Perspektive der Betroffenen ist dabei zentral – denn sie liefert die Grundlage für jede nachhaltige Weiterentwicklung von Versorgung.
Die Fokusgruppe findet am Donnerstag, den 7. Mai 2026, abends, voraussichtlich online statt und dauert etwa zwei Stunden. Eingeladen sind Männer ab 18 Jahren mit aktueller oder zurückliegender Essstörung – unabhängig davon, ob diese diagnostiziert wurde oder sich eher in problematischem Ess- oder Bewegungsverhalten äußert. Eine Teilnahme ist anonym möglich, alle Angaben werden vertraulich behandelt. Auch Therapeut:innen können unabhängig davon teilnehmen und ihre fachliche Perspektive einbringen.
Für uns als TCE ist dieses Projekt mehr als eine wissenschaftliche Initiative. Es ist ein wichtiger Schritt hin zu einer Versorgung, die der Vielfalt von Essstörungen gerechter wird. Die im Projekt entwickelten Ansätze sollen nicht nur theoretisch bleiben: Perspektivisch ist geplant, geeignete Bausteine in die therapeutische Praxis zu überführen – auch bei uns im Haus.
Wir würden uns daher sehr freuen, wenn sich möglichst viele Betroffene bereitfinden, ihre Erfahrungen einzubringen. Sie leisten damit einen wertvollen Beitrag dazu, die Behandlung von Männern mit Essstörungen nachhaltig zu verbessern.
Bei Interesse an einer Teilnahme wenden Sie sich bitte direkt an: martin.lehe@uni-bamberg.de
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Dr. Karin Lachenmeir ist Psychologische Psychotherapeutin und seit 2002 im TCE tätig, seit 2008 als Leiterin der Einrichtung. Sie ist approbierte Verhaltenstherapeutin und hat Weiterbildungen in Körpertherapie und Systemischer Beratung absolviert. Seit 2011 ist sie zudem als Dozentin und Supervisorin für verschiedene Münchner Weiterbildungsinstitute tätig. Am TCE hat sie die Verantwortung für alle personellen, organisatorischen und fachlichen Fragen. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten lesend oder schreibend, auf ausgedehnten Spaziergängen, im Kino, im Theater oder auf Reisen.