Essstörungen gelten immer noch als klassische „Frauenkrankheit“. Doch auch Jungen und Männer können betroffen sein – und bleiben dabei häufig unter dem Radar. Stigmatisierung, falsche Rollenbilder und ein einseitiges gesellschaftliches Körperideal erschweren die frühzeitige Diagnose und Versorgung. Besonders brisant: Viele Männer zeigen Symptome einer Muskeldysmorphie – dem Zwang, immer noch muskulöser, noch athletischer zu werden. In unserem aktuellen Beitrag werfen wir einen Blick auf Ursachen, Besonderheiten und notwendige Therapieansätze für männliche Betroffene. Ein wichtiges Thema, das mehr Aufmerksamkeit verdient.
Essstörungen bei Jungen und Männern
Weltweit entwickeln ca. 2,6 bis 8,4% aller Frauen und 0,7 bis 2,2% aller Männer im Laufe ihres Lebens eine Essstörung. Dies entspricht in etwa einem Verhältnis von 3:1. Männer sind in der Essstörungsforschung und -versorgung allerdings deutlich unterrepräsentiert. Das Verhältnis von Frauen zu Männern liegt in der Forschung bei 5:1, in der Versorgung bei 11:1.
Auffällig ist in diesem Zusammenhang eine deutliche Stigmatisierung männlicher Betroffener. Essstörungen gelten als klassische Frauenkrankheiten, sodass Jungen und Männer, die von dieser Krankheit betroffen sind, diese nur schwer mit ihrer männlichen Identität in Einklang bringen können. Von Männern wird erwartet, dass sie sich „zusammenreißen“, sie werden in höherem Maße selbst für ihre Erkrankung verantwortlich gemacht und in ihrer Not häufig nicht ernstgenommen. Auch professionelle Helfer tendieren dazu, den Schweregrad der Erkrankung bei männlichen Betroffenen zu unterschätzen und die Essstörung zu bagatellisieren. Diese Stigmatisierungserfahrung führt dazu, dass Jungen und Männer oft nicht die notwendige Hilfe bekommen.
Muskeldysmorphie („Biggerexie“)
Oft zeigt sich bei Männern eine Sonderform der Körperbildstörung, die sogenannte Muskeldysmorphie“ (auch „Bigorexie“ oder „Biggerexie“ genannt). Da das männliche Körperideal eher einen athletischen, muskulösen Körper propagiert, versuchen Jungen und Männer ihren Körperfettanteil zu reduzieren und gleichzeitig den Muskelanteil zu erhöhen. Im Vergleich mit dem gesellschaftlich verbreiteten Ideal empfinden sie sich als zu schmächtig und hager. Sie verwenden viel Zeit und Energie auf den Muskelaufbau, treiben exzessiv Kraftsport und nutzen proteinreiche Nahrung und Nahrungsergänzungsmittel oder auch Steroide. Mitunter nimmt die Beschäftigung mit dem eigenen Aussehen und dem Muskelaufbau obsessive Züge an. Das kann so weit führen, dass andere Lebensbereiche vernachlässigt werden und das Krafttraining gesundheitsschädliche Züge annimmt. Eine Muskeldysmorphie geht ähnlich wie eine Anorexie mit Wahrnehmungsverzerrungen einher, sodass selbst sichtlich trainierte Menschen sich noch als zu schmal und schwächlich wahrnehmen.
Die gegensätzlichen Körperideale mögen dazu führen, dass Männer mit Anorexie in der Forschung so deutlich unterrepräsentiert sind, basieren die Diagnostikkriterien der Anorexie doch auf dem Streben nach Dünnsein. Angesichts der Tatsache, dass es eine erkennbare genetische Korrelation zwischen Anorexia nervosa und Muskeldysmorphie gibt, könnte es sein, dass letztere eine alternative Ausdrucksform derselben genetischen Veranlagung ist. Doch obwohl die Muskeldysmorphie oft mit extremen gewichtskontrollierenden Maßnahmen einhergeht, setzt sie nicht zwangsläufig ein gestörtes Essverhalten voraus.
Weitere Besonderheiten
Eine australische Studie konnte 2020 zeigen, dass Jungen besonders häufig an Essstörungen erkranken, die nicht eindeutig einer der drei klassischen Diagnosen (Anorexie, Bulimie, Binge-Eating-Störung) zuzuordnen sind. Rund 11% der in der Studie erfassten Jungen waren von „sonstigen spezifischen Essstörungen“ betroffen. Diese nicht eindeutig klassifizierten Essstörungen waren dreimal so häufig wie die klar definierten.
Jungen und Männer, die einer sexuellen Minderheit angehören (z.B. homosexuell, bisexuell, pansexuell, queer), oder Transgender-Männer haben ein deutlich höheres Risiko für Körperbildstörungen oder eine Essstörungssymptomatik als heterosexuelle Cis-Männer.
Eine Behandlung von Essstörungen bei Jungen und Männern muss den genannten Besonderheiten Rechnung tragen. In der Therapie kann die erlebte Stigmatisierung reflektiert werden und die Betroffenen erhalten Gelegenheit, sich mit gesellschaftlichen Normen für Männlichkeit und dem männlichen Körperideal auseinanderzusetzen. Die Krankheitsschwere und der Therapieerfolg scheinen sich hingegen zwischen den Geschlechtern nicht wesentlich zu unterscheiden.
Die genannten Informationen basieren auf Forschungsergebnissen, die uns von Martin Lehe von der Universität Bamberg zur Verfügung gestellt wurden. Wir bedanken uns herzlich für die Zusammenarbeit!
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Dr. Karin Lachenmeir ist Psychologische Psychotherapeutin und seit 2002 im TCE tätig, seit 2008 als Leiterin der Einrichtung. Sie ist approbierte Verhaltenstherapeutin und hat Weiterbildungen in Körpertherapie und Systemischer Beratung absolviert. Seit 2011 ist sie zudem als Dozentin und Supervisorin für verschiedene Münchner Weiterbildungsinstitute tätig. Am TCE hat sie die Verantwortung für alle personellen, organisatorischen und fachlichen Fragen. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten lesend oder schreibend, auf ausgedehnten Spaziergängen, im Kino, im Theater oder auf Reisen.