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Für Dein Leben ohne Essstörung.

TCE-Blog

31. Juli 2019 · Erfahrungsbericht

Die Mauern der Magersucht überwinden

Es braucht Mut, die Mauern abzureißen, die Dich davon abhalten, Dein Leben richtig zu leben ... Nach vielen Jahren mit der Diagnose ‚Magersucht' und lauter erfolglosen Klinikaufenthalten war ich an einem Endpunkt angelangt. Ich glaubte, niemand mehr ohne die Essstörung zu sein. Ich habe mich mit ihr identifiziert, ihr mein Leben untergeordnet und so eine Mauer um mich herum aufgebaut.

Ich war die ‚Dünne', ‚Kranke', ‚Austherapierte'. Trotzdem hatte ich diese winzige Hoffnung in mir, dass es doch noch etwas Besseres im Leben geben muss. Ich wusste, dass mich dieses Leben, das ich zu diesem Zeitpunkt führte, immer wieder in eine Sackgasse bringen würde. Unter einer dicken (bzw. dünnen) Schutzschicht waren sie: die Träume nach einer Ausbildung, einer Beziehung, einem erfüllten Leben.

So beschloss ich, mich ein allerletztes Mal auf eine Therapie einzulassen. Ich informierte mich und stieß dabei auf das TCE in München. Es war mit seinen Wohngruppen und dem Konzept der Intensiv- und Stabilisierungsphase ganz anders, als das, was ich bisher kannte.
Ja, der Schritt, dorthin zu gehen, war das Beste, was ich habe machen können. Ich habe beschlossen, mich darauf einzulassen. Im TCE habe ich mich angenommen und verstanden gefühlt. Stück für Stück konnte ich hier mit Hilfe der Ärzte, Therapeuten, Schwestern und Mitpatienten anfangen, die Mauer abzureißen.

Versteht mich nicht falsch. Das war nicht so leicht, wie es klingen mag. Wenn eine Mauer abgetragen wird, entstehen Löcher, und diese schmerzen erst einmal. Jedes Loch steht für eine Konfrontation mit sich selbst. Situationen und Gefühle, von denen ich mich lange abgekapselt hatte, kamen nun wieder hoch und haben mich fast überrannt. Doch dabei war ich nie alleine. Zusammen mit den anderen habe ich hier gelernt, mit Gefühlen umzugehen, sie wieder wahrzunehmen und zu akzeptieren. Die Mitarbeiter des TCE haben nie aufgehört, mir Mut zu machen, mich aufzufangen oder einfach mal in den Arm zu nehmen, und irgendwann begannen die Wunden zu heilen. Aus Angst entwickelt sich Hoffnung, aus Schwäche wird Stärke und nach einer gewissen Zeit kann man über die Mauer hinwegsehen. Das Ziel kommt näher.

Das größte Mauerstück, das es abzutragen galt, war für mich die endlose Leere, die ich aufgrund der Magersucht empfunden habe. Gleichzeitig ist es daher mein größtes Wunder, dass ich im TCE wieder angefangen habe, Lebensfreude zu empfinden. Und zu spüren, wie es ist, einfach mal zu lachen, mit den Mädels Quatsch zu machen, auch mal über Grenzen hinauszugehen. Es gelang mir, auch schon an kleinen Dingen Freude zu haben, wie dem Sonnenschein oder einem Spaziergang.

Ja, nach einer gewissen Zeit, auch mal an einem Eis im Englischen Garten. Das mag vielleicht nicht nach besonders viel klingen, aber für mich war es das schönste Gefühl seit langem.

„Ich möchte jedem Mut machen, sich Hilfe zu suchen, ... "

Nun sind seit meiner Therapie im TCE schon fünf Jahre vergangen. In dieser Zeit, ich will nicht lügen, gab es auch immer wieder Phasen, in denen ich angefangen habe, eine neue Mauer zu errichten. Es hat mich jedes Mal viel Kraft gekostet, die Steine wieder wegzutragen und meine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Doch es hat sich gelohnt. Durch das TCE habe ich viele Strategien und Strukturen erlernt, die mir helfen, der Krankheit entschlossen entgegenzutreten. Habe ich liebevolle Menschen kennengelernt, die mich nicht verurteilen, sondern das eigentliche ‚Ich' hinter der Krankheit erkennen.

Ich möchte jedem Mut machen, sich Hilfe zu suchen, egal wie ausweglos die eigene Situation oder das Leben auch scheint.
Möchte andere darin bestärken, gemeinsam damit anzufangen, eigene Mauern einzureißen, um das schöne Leben, das jeder verdient hat, leben zu können.

 

Bildnachweis: AdobeStock

Über die Autorin

Damaris, 24 Jahre, ehemalige Patientin des TCE